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Artikel: Polyesterschwemme (DER SPIEGEL 8/2017, S. 56-58)

Artikel: Polyesterschwemme (DER SPIEGEL 8/2017, S. 56-58)
von Plastextron Admin > 28.02.2017 | 20:01

Die Polyesterschwemme

Textilien Knitterfrei, formstabil und vor allem billig: Inzwischen enthaltenrund 60 Prozent der Kleidung  Polyester. Die Kunstfaser ist der große Treiber der Fast-Fashion-Industrie - und entpuppt sich als Recycling-Desaster.

Sechzig neue Kleidungsstücke kauft jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr. Mehr als einen Artikel pro Woche. Wer das nicht glauben will, sollte sich die YouTube-Videos von Stephanie anschauen: ein rosa Samtkleid für neun Euro,eine Camouflagejacke für zehn Euro, ein Stricktop für drei Euro - 17 Kleidungsstücke präsentierte die junge Frau im Dezember ihren Abonnenten, in 22 Minuten, 2 Sekunden. Im Januar waren es ebenfalls 17 Teile in 16 Minuten, 46 Sekunden, darunter drei Pyjamasets mit Comicmotiven für je sieben Euro. „Hau!", englisch für „Beute", nennt sich das Videoformat, bei dem zumeist Teenager ihre jüngsten Shoppingschnäppchen im Akkord vorführen. Oft wird aus dem Kinderzimmer gesendet, die Klamotten werden direkt aus der Tüte gezogen. „XXXL Primark Haul" heißt die Serie von Stephanie, die sich im Netz „Golightly" nennt, nach Holly Golightly, Hauptfigur in Truman Capotes Roman „Frühstück bei Tiffany".

Dabei hätte sich das Partygirl aus den Fünfzigerjahren den Konsumrausch, den ihre deutsche Namensvetterin zelebriert, wohl nicht vorstellen können. Immer mehr. Immer öfter. Immer billiger. So lautet der Dreiklang der Modeindustrie inzwischen. Früher gab es Winter- und Sommerklamotten. Und Übergangsmäntel. Heute sind 12 bis 14 Kollektionen im Jahr keine Seltenheit. Täglich wird in den Filialen von Primark, H&M oder C&A neue Ware eingeräumt. Bei Zara braucht ein Kleidungsstück vom Entwurf auf dem Reißbrett bis ins Regal nur zwei Wochen. Fast Fashion ist der Fachausdruck für diesen rasanten Wandel.

Das Prinzip funktioniert auch deshalb, weil der Stoff, aus dem die meisten Musthaves geschneidert sind, Polyester ist. Während Plastiktüten heute als Ökosünde gelten, enthalten fast 60 Prozent der Kleidung mittlerweile Polyesterfasern. Allerdings merkt das kaum jemand. Denn damit sich der Pulli aus Plastik nicht genauso anfühlt wie seine Verpackung, wird er in der Regel mit einer Naturfaser
wie Baumwolle gemischt. Der Laie kann dann ein T-Shirt selbst bei einem Polyesteranteil von rund 80 Prozent nicht von einem klassischen Cotton-Shirt unterscheiden. Der Trugschluss fällt dem Kunden meist erst auf, wenn das schicke Shirt schon nach dem ersten Tragen verdächtig müffelt oder er vor der Waschmaschine das Etikett studiert. „Der Einsatz von Polyester hat den Aufstieg
von Fast-Fashion-Ketten überhaupt erst möglich gemacht", sagt Alexandra Perschau. Die Kunstfaser sei „leicht herzustellen, schnell zu verarbeiten und vor allem billig", erklärt die Textilexpertin von Greenpeace.

Die Plastikfäden auf Erdölbasis sind jederzeit und in Massen verfügbar, kein schlechtes Wetter, keine politischen Unwägbarkeiten bringen die Produktion ins Wanken. Durch die immer schnelleren
Zyklen der Modeindustrie sei der Verbrauch in den vergangenen zehn Jahren „regelrecht explodiert" (siehe Grafik). Mehr als 60 Millionen Tonnen Chemiefasern werden jährlich hergestellt, das meiste
davon in China. Polyester ist mit über 80 Prozent der unangefochtene Spitzenreiter. Tatsächlich hat der Polyesterboom dazu beigetragen, dass sich der Absatz von Kleidung zwischen 2002 und 2015 fast verdoppelt hat: 2014 wurden laut Greenpeace weltweit mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke
neu produziert. Inzwischen sind nicht nur Teelichter bei Ikea, sondern auch Babybodys und Schals ein Mitnahmeartikel, der in jedem Discounter und Drogeriemarkt mal eben mit in die Einkaufstasche wandert. Längst sind auf dem Planeten mehr Kleidungsstücke im Umlauf, als die Weltbevölkerung jemals wird tragen können. Hohe Baumwollpreise in der Vergangenheit hätten den Polyestertrend zusätzlich angeheizt, erklärt Andreas Engelhardt, der in seinem Report „The Fiber Year" jährlich die globale Produktion aller Kunst- und Naturfasern auflistet. „Eigentlich ist eine Chemiefaser wie Polyester besonders stabil und langlebig", weiß der Faserfachmann, „doch diese Vorteile werden durch die aktuelle Schnelllebigkeit der Mode konterkariert."

Weder Primark noch C&A noch H&M oder Zara wollen konkrete Zahlen zu ihrem aktuellen Polyesterverbrauch liefern. Keine der Modeketten kann oder will darüber Auskunft geben, wie hoch der durchschnittliche Kunstfaseranteil in ihren Kleidern ist. Ein kleiner Test spricht aber Bände:
Wer im Onlineshop von H&M das Stichwort Polyester in die Suchmaske eingibt, erhält auf Anhieb über 7000 Treffer. Statt über den Fast-Fashion-Katalysator Polyester reden die Unternehmen lieber
über ihre Leuchtturmprojekte in Sachen Biobaumwolle. Dabei wird auch die nachhaltig produzierte Naturfaser oft munter mit Polyester versetzt. Das spart Geld bei der Produktion und Gewicht beim Transport,weil der Kunststoff so leicht ist. Zudem ist Polyester einfacher zu pflegen, nahezu knitterfrei und formstabil. In den Nachhaltigkeitsberichten der Textilketten wird zwar auf die Qualität und Strapazierfähigkeit der Kleidung hingewiesen. Dass das Geschäftsmodell Fast Fashion auf dem Prinzip basiert, was heute Trend ist, ist schon morgen Müll - darüber findet sich jedoch kein einziger Satz. Tatsächlich ist die Langlebigkeit der Polyesterfaser für das schnell wechselnde Angebot eher ein Hindernis. Und für die Umwelt entpuppt sich das Kunststoffgemisch in mehrfacher Hinsicht als Belastung. „Bei jedem Waschgang werden aus den Plastikfasern sogenannte Mikropartikel ausgespült", erklärt Meike Gebhard, „diese gelangen ins Grundwasser und über die Meere auch wieder in unseren Nahrungskreislauf." Die Teilchen, die nur wenige Mikrometer groß sind, können auch von modernen Kläranlagen meist nicht herausgefiltert werden und sind biologisch nicht abbaubar. Der Abrieb aus den Polyesterstoffen wurde bereits in Meeresschnecken und Speisefischen in der Nord- und Ostsee nachgewiesen.

"Solch langfristige Folgen für die Umwelt und letztlich ihre eigene Gesund haben die Konsumenten selten im Blick", sagt Gebhard. Die 48-Jährige ist promovierte Umweltökonomin und Geschäftsführerin der Nachhaltigkeitsplattform Utopia.de. Sie predigt nicht Verzicht, sondern setzt auf bewussten Konsum. „Die Preisspirale nach unten, die wir derzeit in der Mode erleben,
haben wir zuvor schon bei den Lebensmitteln beobachtet", sagt Gebhard. Beim Billighackfleisch vom Discounter blenden die Konsumenten das Tierwohl aus. Auch YouTube-Bloggerin Stephanie denkt
wahrscheinlich nicht darüber nach, dass die Jeans, die sie gerade in die Kamera hält, von einer Gleichaltrigen in Bangladesch oder Pakistan genäht wurde, deren Wochenlohn nicht einmal dem entspricht, was die Hose hierzulande im Laden gekostet hat. Gebhard rät Verbrauchern deshalb beim Kauf von Kleidung zu mehr Reflexion. Niemand müsse ganz verzichten. Aber: Statt Masse sollte es besser Klasse sein. „Die beste Ökobilanz hat immer noch die Hose, die lange getragen wird." Dieses Credo zu beherzigen dürfte eigentlich nicht schwerfallen. Schließlich gibt in Umfragen so gut wie jeder Deutsche zu, Kleider im Schrank zu haben, die er kaum oder noch nie getragen hat. Tatsächlich hat sich in den letzten 15 Jahren die durchschnittliche Tragedauer von Kleidungsstücken
halbiert. Weil sich die modische Halbwertszeit von Klamotten immer weiter verkürzt, wächst der Textilmüllberg unaufhörlich. Was bei Umweltaktivisten zu einer Art Endlagerstimmung führt: Mode ist dank der billigen Synthetikstoffe ein Wegwerfprodukt. Aber Kunstfasern wie Polyester sind nicht totzukriegen.

Auch das Sammeln von Altkleidern löst das Dilemma nicht, es verlängert das Leben der Kleider meist nur auf kurze Sicht. Dabei sind die Deutschen Weltmeister darin: Rund eine Million tonnen wird hierzulande jährlich in Containern gesammelt, die Branche setzt gut 350 Millionen Euro um.
Gut 50 Prozent der gesammelten Textilien werden für den globalen Secondhandmarkt aussortiert, dabei ist auch der schon zum Teil gesättigt. Afrikanische Länder wie Simbabwe haben sogar Importverbote für alte Kleidung verhängt. 30 bis 40 Prozent der Kleidung werden direkt geschreddert und taugen maximal als Putzlappen oder Dämmmaterial. Wenig zielführend ist deshalb auch, dass immer mehr Modeketten Klamotten in ihren Filialen zurücknehmen. Zutiefst widersprüchlich sei das, sagt Thomas Ahlmann von Fairverwertung, dem Dachverband gemeinnütziger Altkleidersammler. „Denen geht es doch nicht wirklich darum, den Textilabfall langfristig einzudämmen. Warum sollten die sonst ihren Kunden für die abgegebene Kleidung wieder Rabatttgutscheine für Neuware schenken?"

Alexandra Perschau von Greenpeace hält das Engagement schlicht für scheinheilig. Sie sprich von einem "großen Recycling-Mythos", es sei "eine falsche Annahme", dass aus alten T-Shirts neue Hosen entstünden. „Tatsächlich geht es dabei nur in homöopathischen Dosen um die Wiedergewinnung von Fasern zur Herstellung neuer Textilien." Von Kreislauffähigkeit oder einem „closing the loop", wie Experten sagen, ist die konventionelle Modeindustrie noch Lichtjahre entfernt.
Denn auch bei der Wiederverwertung ist der hohe Kunststoffanteil das größte Hindernis. Zum einen scheitert das Faserzu-Faser-Recycling schon an so banalen Fragen wie der Identifizierung der eingesetzten Bestandteile, weil Etiketten zum Beispiel aus der Kleidung herausgeschnitten
wurden. Zum anderen stecken die technischen Verfahren, um unterschiedliche Kunstfasermixe wieder in ihre Einzelteile zu zerlegen und als Garne zu verwenden, noch im Entwicklungsstadium. Ganz zu schweigen davon, dass sie für die Bekleidungsindustrie wirtschaftlich bereits interessant
wären. Wenn Firmen wie Nike, Levis oder H&M daher Turnschuhe, Jeans oder Abendkleider aus recyceltem Polyester präsentieren, dann sind das Sondermodelle, meist aus alten PET-Flaschen, die mehr als Marketinggag denn als massentaugliche Alternativen zu verstehen sind.

Wie klein die Mengen an Redyclingmaterial im Verhältnis zu der eigentlichen Massenmode ist, zeigt der Nachhaltigkeitsbericht von H&M: Die Schweden gelten unter den Textilriesen als einer der größten Nutzer von recyceltem Polyester und damit als Vorzeigekonzern. Dabei stammt laut eigenem Bericht gerade einmal ein Prozent der Gesamtproduktion von H&M aus Recyclingfasern - der Polyesteranteil wird überhaupt nicht näher beziffert. Wenn man mit dieser Bilanz schon zu den Vorbildern der Branche gehört, kann man sich ausmalen, wie schlecht es um die Verwendung von recycelten Materialien steht. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel der Firma Lauffenmühle aus dem badischen Lauchringen. Seit 1834 fertigt das mittelständische Unternehmen TExtilien, heute hat man sich auf Gewebe für Berufs- und Schutzkleidung spezialisiert. Der Betrieb ist einer der wenigen in Europa, der die komplette Produktionskette von der Faser bis zum Stoff im eigenen Haus vereint.

Die Textilingeneure haben vor einiger Zeit eine Polyesterfaser entwickelt, „die zwar die gleichen technischen Eigenschaften wie konventionelles Polyester aufweist, sich aber durch Mikroorganismen rückstandsund schadstofffrei zersetzen lässt"' sagt Unternehmenssprecherin Corona Bregenzer. Am Ende wird aus der Polyesterfaser wiederverwertbarer Humus. Ein Zustand, den die meisten T-Shirts von Primark oder Zara wohl leider nur in sehr ferner Zukunft erreichen werden. Denn Polyester verrottet im Schnitt erst nach rund 500 Jahren.

Verfasser des Artikels: Simone Salden
Mail: simone.salden@spiegel.de

Quelle, © und PDF zum Download: DER SPIEGEL 8/2017, Simone Salden, S. 56-58

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